Wenn aus der eigenen Geschichte eine Wimmelbuch-Heldin wird
Es ist Herbst 2025, als mein Telefon klingelt. Am anderen Ende ist eine Kollegin aus dem Sozialministerium. Sie spricht über ein Projekt des Referats „Bayern barrierefrei“: ein Wimmelbuch. Ein Buch, das Kindern und Erwachsenen spielerisch zeigt, wie unsere Welt für Menschen aussieht, deren tägliches Leben durch Hindernisse erschwert wird – für Menschen zum Beispiel, die nicht gut sehen oder hören, für Menschen, die mit einem Rollstuhl fahren oder auch für Eltern mit Kinderwagen.
Dann stellt sie die eine Frage, die mich völlig unvorbereitet trifft: „Dürfen wir der klein-wüchsigen Figur, die auf jeder Seite vorkommt, Ihren Namen geben? Darf sie ‚Adelheid‘ heißen?“
Ich muss nicht lange überlegen. Die Überraschung weicht sofort einem tiefen Gefühl der Ehre. „Ja“, sage ich, und plötzlich bin ich Teil eines Projekts, das genau das bewirken soll, was mir schon immer am Herzen lag: Sichtbarkeit.
Vor wenigen Wochen hielt ich es dann zum ersten Mal in den Händen: mein gedrucktes „Alter Ego“. In dem Buch sieht man Adelheid in den verschiedensten Situationen des Alltags. Mal steht sie an einer barrierefreien, niedrigen Theke in einer Bar, mal arbeitet sie an einem Blumenbeet, das genau die richtige Höhe für kleinwüchsige Menschen hat.
Doch das Buch beschönigt nichts. Es zeigt Adelheid auch in jenen Momenten, die wir alle kennen: wie sie in einer Menge von großgewachsenen Menschen versucht, ein Basketballspiel zu verfolgen, und schlichtweg nichts sieht. Oder wie wichtig ein niedriger EC-Automat oder ein passender Bäckerstand sind.
Dieses Wimmelbuch ist weit mehr als nur eine nette Zeichnung. Wenn die Ministerin heute Kindergärten und Schulen besucht, ist „Adelheid“ dabei. Sie dient als Botschafterin, um Kinder schon früh für Barrieren zu sensibilisieren, die für andere oft unsichtbar sind.
Für mich schließt sich damit ein Kreis. Früher war ich es, die dem Bundespräsidenten von ihren Erfahrungen erzählte. Heute ist es mein gezeichnetes Ebenbild, das einer neuen Generation erklärt, wie eine Welt ohne Hindernisse aussehen könnte. Dass ich nun Namensgeberin für diese wichtige Aufklärungsarbeit sein darf, macht mich nicht nur stolz – es zeigt mir, dass unsere Geschichten gehört werden.