Auf Augenhöhe mit dem Staatsoberhaupt: Mein Tag im Schloss Bellevue
Es gibt Briefe, die man niemals vergisst. Als ich im Herbst 2007 die Einladung in den Händen hielt, traute ich meinen Augen nicht: Bundespräsident Horst Köhler bat zum Neujahrsempfang nach Berlin. Dass ausgerechnet ich als kleinwüchsige Frau diese Würdigung erfahren durfte, empfand ich als riesige Ehre – und als ein starkes Signal der Wertschätzung.
Schon die Ankunft in der Hauptstadt fühlte sich wie ein Märchen an. Gemeinsam mit meiner Schwester bezog ich ein nobles Hotel. Während für die Begleitpersonen ein eigenes Programm, z. B. ein Besuch im Bundestag, vorgesehen war, stieg bei mir die Anspannung. Würde alles glattgehen?
Die Antwort bekam ich schon bei der Generalprobe. Es sind oft die kleinen Dinge, die den großen Unterschied machen: Die Organisatoren kamen auf mich zu und fragten aufmerksam nach, ob die Vorbereitungen für meine Körpergröße passten – sogar ein Fußschemel stand bereits bereit. Diese Professionalität nahm mir die erste Angst, doch das Herzklopfen blieb, als der große Tag endlich gekommen war.
Als ich in der Schlange vor dem Defilee stand, fragte ich mich: Wie begegnet man dem ersten Mann im Staat? Doch kaum stand ich vor Horst Köhler und seiner Frau, löste sich die Aufregung in Luft auf. Beide strahlten eine solche Herzlichkeit und Unkompliziertheit aus, dass das Protokoll fast nebensächlich schien.
Dann folgte der Moment, der diesen Tag für mich unvergesslich machte: Nach dem offiziellen Empfang wurden alle zum Essen gebeten – und ich war direkt am Tisch des Bundespräsidenten platziert, unmittelbar neben ihm. Auf der gegenüberliegenden Seite saß der Kabarettist Django Asül, doch mein Fokus lag auf meinem Tischnachbarn.
Horst Köhler tat genau das, was man sich von einem Staatsmann erhofft: Er hörte zu und wir unterhielten uns auf Augenhöhe. Er zeigte aufrichtiges Interesse an meinem Alltag als kleinwüchsige Frau und erkundigte sich gezielt nach der Arbeit des VKM. In diesem Moment saß dort nicht nur ein Amtsträger, sondern ein Mensch, der sich auf sein Gegenüber einließ.
Wenn ich heute an diesen Tag zurückdenke, ist es nicht nur der Stolz über den Platz an diesem Tisch, der bleibt. Es ist das Gefühl, dass Inklusion und Respekt dort beginnen, wo man sich füreinander Zeit nimmt – egal, wie groß oder klein man ist.