Erfahrung mit Beinverlängerung
In den 80-iger Jahren erhielt ich als eine der ersten in Deutschland eine gleichzeitige Verlängerung beider Unterschenkel.
Ich war 14 Jahre alt, hatte starke O-Beine und war dadurch in meinem jugendlichen Tatendrang arg eingeschränkt. Ein Besuch beim Orthopäden war unausweichlich. Dieser stellte meinen Eltern und mir dann neben der Beinbegradigung auch die Möglichkeit einer Beinverlängerung vor.
Ich war damals begeistert von der Idee, größer zu werden und willigte sehr schnell in eine OP ein. Meine Eltern waren glücklich, endlich eine „Lösung für das Problem Kleinwuchs“ gefunden zu haben.
Kurze Zeit später zog ich für etwa drei Monate ins Krankenhaus ein. Ich erhielt externe Fixateure nach Ilisarov, meine „Ufos“. Mit einem herkömmlichen 17-er Schraubenschlüssel drehte ich mich Tag für Tag 1 mm größer. Außer den normalen OP Schmerzen für ein paar Tage (meine Beine wurden mehrfach gebrochen und mit Stangen und Drähten durchlöchert) war ich komplett schmerzfrei.
Im Krankenhaus war ich in einem 6 er – Zimmer mit weiteren Jugendlichen untergebracht. Jeder hatte ein anderes Päckchen zu tragen, aber wir waren eine „coole Gang“. Es fühlte sich ein wenig wie im Internat an, denn wir hatten auch Schulunterricht. Da ich meine Beine nicht belasten durfte, hatte ich einen Rolli.
Irgendwann wurde ich entlassen und war fortan ständig auf meine Eltern angewiesen. Wir wohnten nicht barrierefrei und mein Vater musste mich immer die Treppen rauf- und runtertragen. In die Schule durfte ich nicht, da es angeblich zu gefährlich war und erhielt Hausunterricht. Zu meinem geliebten Pony durfte ich damals natürlich auch nicht.
Diese Phase war für ein pubertierendes Mädchen nicht so prickelnd…
Nach 10 Monaten war alles vorbei, die Apparatur wurde entfernt und ich lernte wieder laufen. Ich konnte ein Schuljahr überspringen und in meiner Klasse bleiben, was mir sehr wichtig war.
Aus medizinischer Sicht war die Verlängerung ein voller Erfolg. Es gab keine Komplikationen, keine Entzündungen oder ähnliches und ich gewann 12 cm dazu. Eine Operation der Oberschenkel kam bei mir aus medizinischen Gründen nicht in Frage.
ABER
Heute bin ich 1,36 m und gehöre damit zu den „großen Kleinen“. Ich bin aber immer noch kleinwüchsig. Ich erreiche vielleicht ein höheres Regalfach ohne Hocker oder habe eine etwas kürzere Pedalverlängerung, aber ich bin immer noch kleinwüchsig. Zusätzlich habe ich ungewöhnliche Proportionen, da meine Unterschenkel länger sind als die Oberschenkel und natürlich reichlich Narben an den Beinen.
Ich bin sicher, mein Leben hat sich durch diese zusätzlichen 12 cm nicht geändert. Ich habe alles erreicht, was ich mir als kleines Mädchen erträumt habe. Ich habe nach dem Abitur an einer Fachhochschule studiert und einen Beruf, der mir Spaß macht. Ich bin seit über 30 Jahren glücklich verheiratet und habe zwei wunderbare Kinder, die inzwischen erwachsen sind.
Mit dem Wissen von heute hätte ich mich damals anders entschieden und mich nicht verlängern lassen. Wenn man die richtige Einstellung zum Leben hat ist es völlig egal, ob man z.B. 1,20 m oder 1,30 m groß ist. Glücklicherweise haben meine Kinder nie den Wunsch nach einer Beinverlängerung verspürt. Sie sind mit sich und ihrer Größe völlig im Reinen und das ist gut so.